Tomokazu Harimoto – Wunderkind und Olympiasieger 2020!?

By 8. März 2018Allgemein

Tomokazu Harimoto

Sein Material, sein Training, sein Kampfschreien
und sein Erfolg

Gerade ist der Tischtennis Team World Cup 2018 in London vorbei und wer ist neben Dimitrij Ovtcharov, Ma Long und Fan Zhendong natürlich noch mit am Start?
Richtig – der 14 jährige Tomokazu Harimoto, der spätestens seit der WM 2017 in aller Munde bzw. Ohren ist. Von vielen Leuten in der Tischtennis-Szene wird er bereits jetzt als das Jahrhunderttalent bezeichnet. Grund genug, sich einmal mit diesem Ausnahmetalent zu befassen. Was sind seine Stärken? Was soll das laute „Tschooo“ Brüllen und ist das überhaupt sinnvoll?  Wie kann man mit 14 Jahren so gut sein? Was können sich normale Vereinsspieler von ihm abschauen? Auf alle diese Fragen werde ich in dem Artikel eingehen und auch weiterführende Fragen klären.
Beispielsweise ob Harimoto ein Glücksfall für Japan ist oder ob da System hinter steckt und wie das hier in Deutschland mit einem möglichen Weg in die Weltspitze aussieht.
Doch bevor wir darauf eingehen scheint eines klar: der junge Japaner Tomokazu Harimoto polarisiert und spaltet die Gemüter, wenn er nach jedem Ball durch die Halle „Tschoooo“ brüllt und man sich fragt, ob er gerade das WM-Finale gewonnen hat oder wirklich nur den Punkt zum 3:3 im ersten Satz gemacht hat.

Fifa 2018 vs. Vorhand-Mitte-Vorhand-Rückhand

Es scheint dennoch so, als hätte trotz allem die Tischtenniswelt in Tomokazu Harimoto ihren angehenden Shootingstar gefunden. Während andere Jungs in seinem Alter die ersten Flirtversuche unternehmen, sich in WhatsApp-Gruppen über die neuesten YouTube-Stars austauschen oder Stunden vor dem PC hängen und rumballern, ballert der junge Harimoto vor allem auf eins ein: den Plastikball. Und das bis zu neun Stunden am Tag. Ehe wir aber auf das Training und seine Erfolge eingehen, ist hier der interessante Weg von ihm im „System Japan“.

Tomokazu Harimoto – Wer ist dieses Wunderkind?

Tomokazu Harimoto ist am 27. Juni 2003 in Japan in Sendai unter dem Namen Zhang Zhihe geboren. Seine Eltern sind beide chinesischer Abstammung und waren ebenfalls ziemlich erfolgreich im Tischtennis. Harimoto stand bereits im Alter von zwei Jahren am Tisch und erhielt seinen neuen japanischen Namen aufgrund der japanischen Staatsbürgerschaft.

Der Grundstein des Erfolgs I – Das Familienleben 

Harimotos Vater Zhang Yu war chinesischer Jugendnationalspieler und auch seine Mutter Zhang Ling war sehr talentiert und spielte bei der WM 1995 für ihr Land China. Beruflich zog es den Vater fünf Jahre bevor der kleine Wunderknabe zur Welt kam nach Japan in das Tischtennis Trainingscenter in Sendai. Laut Gerüchten soll der kleine Harimoto bereits bevor er ein Jahr alt war das erste Mal mit einem Tischtennisschläger gespielt haben.
Im Alter von zwei Jahren stand er dann das erste Mal am Tisch und mit vier Jahren hat er mit dem Tischtennistraining angefangen. Von da an nahm die Erfolgsgeschichte dieses Ausnahmetalents seinen Lauf.
Mit zwei Jahren die ersten Bälle zu spielen ist wie man unschwer erkennen kann unglaublich früh. Selbst für Länder wie Japan oder auch China, in denen mit 4-5 Jahren angefangen wird, die Stars von Morgen zu produzieren, ist das sehr zeitig. Harimoto trainiert hauptsächlich im japanischen Leistungszentrum in Tokio und wird von seinem Vater trainiert.

Übrigens hat er noch eine kleine Schwester. Miwa Harimoto ist ebenfalls erfolgreich und hat 2015 die japanischen Meisterschaften in ihrer Altersklasse gewonnen und feuert sich selbst auch schon frenetisch an wie ihr Bruder. Mal schauen, was wir in der Zukunft von ihr noch hören werden.

Der Grundstein des Erfolgs II – das Schulsystem

Das Schulsystem, indem Kinder wie Harimoto aufwachsen, unterscheidet sich stark von den anderen Schulsystemen wie beispielsweise das der deutschen Tischtennistalente. In Japan wird die Schule um den Sport herum gelegt und nicht andersrum, wie beispielsweise in Ländern wie Deutschland. Es gilt: Zuerst das Tischtennis – dann die Schule. Das sieht hier bei Leistungssportlern meistens ganz anders aus. Einziger Ausweg ist meistens nur, alles auf eine Karte setzen und die Schule abzubrechen, was aber aus meiner Sicht zurecht nicht gerne gesehen wird. Richard Prause, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bunds sagte in einem Interview mit der FAZ, dass Japan Deutschland als zweitbeste Tischtennis-Nation abgelöst hätte. Allerdings sei unser duales System, das Sport neben Beruf bzw. der Schule ansiedelt, der Gesellschaft hier angemessen und tauschen möchte er nicht. Die Frage bleibt allerdings, ob Länder dauerhaft konkurrenzfähig sind, wenn die einen im Kindes- und Jugendalter 10-20 Stunden pro Woche trainieren und die anderen 20-35 Stunden. Ob das jetzt den Kindern und deren Entwicklung zugute kommt, ist dabei eine ganz andere Frage. Fest steht, dass die Japaner immer wieder Weltklassespieler herausbringen – ob Koki Niwa, Kenta Matsudaira, Jun Mizutani oder die 17-Jährige Mima Ito, die mit 15 bereits WM-Silber und Olympia Bronze gewann.
Aber wie kann man eigentlich schon so früh auf die Karte Profi setzen? Ganz einfach:

Die Japaner lieben Tischtennis

Und genau das macht es möglich. Tischtennis ist in Japan so populär und es werden irre Umsätze damit generiert. Das heißt, wenn Geld im Spiel ist, haben Eltern, Trainer, Funktionäre und ganz Japan natürlich einen noch stärkeren Anreiz, Spieler zu kreieren, die später einmal in der Weltspitze kommen. Der Drill und die Qualität der Ausbildung im Tischtennis kommt dabei fast schon der der Chinesen gleich. Dementsprechend gibt es auch eine sehr starke Förderung der Profis oder derer, die es mal werden wollen. Einige Tischtennis-Experten sagen sogar, dass Japan die beste Jugendförderung der Welt besitzt. Laut der Weltrangliste vom Februar 2018 haben die Japaner acht Leute unter den TOP 30 der Welt! China stellt zwar mit vier Spielern unter den TOP 10 immer noch das Maß aller Dinge, aber Japan kommt – und das mit Harimoto.

Rekorde über Rekorde

Wo soll man da anfangen? Vielleicht damit, dass Harimoto mit seinen 14 Jahren frischer und jüngster japanischer Meister aller Zeiten geworden ist? Und zwar nicht der U18. Japan hat eine unfassbare Breite an extrem guten Tischtennisspielern. Wie oben beschrieben haben sie alleine acht Leute unter den TOP 30 der Welt. Spieler wie Jun Mizutani spielen seit Jahren auf Weltklasse Niveau und was macht Harimoto? Der gewinnt erstmal bei der WM 2017 in Düsseldorf gegen ihn, was für viele eine riesige Überraschung war. Dann wiederholte er das Kunststück diesen Januar im Finale der japanischen Meisterschaften gleich noch einmal. 4:2 und willkommen beim Generationswechsel und der Wachablösung in Japan – mit 14 Jahren und 207 Tagen. Mizutani sagte: „Ich habe gegen so viele chinesische Spieler gespielt und denke, dass Harimoto auf dem gleichen Level spielt. Wenn er heute in Normalform gespielt hat, dann werde ich nie wieder gegen ihn gewinnen. Ich bin froh, dass ich so viele Meistertitel in der Zeit vor Harimoto gewinnen konnte.“ Das sind große Worte für jemanden, der gerade in die Pubertät gekommen ist.

Kind vs. Profi

2014 ging es für Harimoto international los und im Jahr 2015 entschloss er sich, innerhalb eines Turniers zwei TOP 100 Spieler zu schlagen – mit 11 Jahren. Und zwar nicht gegen die Nummer 99 und 98, die beide verletzt aufgaben, sondern gegen Omar Assar aus Ägypten, der zu der Zeit Nummer 43 der Welt war und derzeit auf Platz 17 der Weltrangliste ist..
Nachdem dieser im Viertelfinale vernascht wurde, wartete mit Jens Lundquist die Nummer 71 der Welt auf Harimoto. Auch hier gab es ein 3:1. Das muss man sich mal vorstellen. Jeder von uns weiß, wie bitter es ist, wenn man im Punktspiel am Freitagabend gegen einen vielleicht ein bisschen zu motivierten Jungspund verliert. Aber überlegt euch mal, es wäre euer Job, ihr macht nichts anderes außer Tischtennis spielen und euer Gegner ist 11 Jahre, kann kaum über die Platte gucken und schnappt euch die wertvollen Dollars vor der Nase weg. Das muss schon ziemlich ernüchternd sein.

Apropos Ernüchterung: Tan Ruiwu (Weltranglistenplatz 72) musste genau so dreingeblickt haben, als Harimoto ihn aus einem Pro-Tour Turnier rausgeworfen hat. Damit hat er als jüngster Spieler aller Zeiten die Hauptrunde eines solchen Turniers erreicht und sich für vermutlich sehr, sehr lange Zeit in den Geschichtsbüchern verewigt.

Japan Open U21 –
Was macht der Zwölfjährige?
Genau, gewinnen!

Bisheriger Rekordhalter war der Japaner Koki Niwa, der den Titel der bei einer World Tour als 15-jähriger im Jahr 2010 geholt hatte. Drei Jahre Jünger machte Harimoto das mit 12 Jahren. Was in drei Jahren in dem Alter alles für eine Entwicklung stattfinden kann, braucht man glaube ich niemanden erklären. Auch hier war es nicht so, dass er durch Glück gegen verletzte Spielern gewann, sondern weil er einfach der bessere in jedem seiner Matches war. Er schlug Brasiliens Aushängeschild und derzeit Platz 16 der Weltrangliste Hugo Calderano mit 3:0. Ebenso schaltete der kleine Mann den top gesetzten Hongkong-Chinesen Ho Kwan Kit aus und panierte im Finale seinen Landsmann Kohei Sambe 3:0. Seine Siegerpose am Ende ist auch jetzt schon legendär, aber schaut sie euch selbst im Video an. Mich freut vor allem im Video zu sehen, wie er vor beim vorletzten Ball vor Glück vergnügt und kindlich in die Luft springt. Wirkt er doch sonst hochkonzentriert oder ist am „Tschooo“ rufen.

„Ich war nervös“

berichte Harimoto vor dem Finale, weil er den Rekord unbedingt wollte. Zu seinem Finale sagte er, dass er sehr aggressiv gespielt hat und Sambe damit nicht gut zurechtgekommen ist. Jetzt sei er stolz und gucke aber schon auf die kommenden Aufgaben. Von Spiel zu Spiel denken. Das klingt alles ganz so wie Samstagabend in der Sportschau, wenn Philipp Lahm oder einer der TV geschulten Profis die Phrasendreschmaschine anschmeißt. Was es aber ab dem Zeitpunkt auf jeden Fall heißt: über 100 Weltranglistenplätze gut gemacht und Rang 63 mit 13.

JUGENDWELTMEISTER ­– mit 13 Jahren und 163 Tagen

Da war es dann soweit: Der erste richtig große Titel war erreicht. Bei den vorherigen Ergebnissen war es zwar nur eine Frage der Zeit, wann er sich den Titel schnappt, aber dass er das so früh schafft, sich gegen die 16-, 17- und 18-jährigen durchzusetzen, ist absolut phänomenal und einzigartig. Zum Vergleich: Vorher schafften das in ähnlicher Weise nur die damals 15 jährigen Fan Zhendong und Kenta Matsudaira. Beide waren allerdings zwei Jahre älter als Tomokazu. Matsudaira ist derzeit die Nummer 10 der Welt und schaffte diese herausragende Leistung 2006 in Kairo mit 15 Jahren und 259 Tagen. Fan Zhendong war 15 Jahre und 329 Tage alt, als er in Hyderabad in Indien Jugendweltmeister wurde. Zu der aktuellen Nummer 2 der Welt muss man glaube ich nicht mehr viel sagen.

Obacht!

Das der Titel vom Jugendweltmeister nicht automatisch eine Platzierung unter den besten 5 der Weltrangliste bedeutet, zeigte übrigens Patrick Baum. Der hat nämlich im Jahr 2005 die letzte Goldmedaille bei der Jugend-WM geholt, die nicht an ein asiatisches Land ging und hat den Sprung in die absolute Weltspitze nicht hinbekommen.

Trotzdem: Der Nächste, bitte

World Tour ­– India Open ­– wieder Viertelfinale Pro Tour ­– Hallo Herr Robert Gardos ­– Sie sind Mannschaftseuropameister ­­­– Ich bin schon 13 ­–  4:2 und auf Wiedersehen, Robert Gardos ­– Halbfinale ­–  Herzlich Willkommen, Kamal Achanta ­­­– Sie sind gerade an der Seite von Timo Boll wieder Deutscher Meister geworden mit einer der besten Bilanzen – spielen in ihrem Heimatland Indien ­– sind überall Publikumsliebling ­– haben tausende Fans in der Halle ­–  Alle peitschen sie nach vorne ­– Das macht mir nichts: 4:2.
Das Spiel gegen Achanta war absolut sehenswert und am Ende war eine schöne Geste zu sehen: Die indischen Fans standen auf und applaudierten dem kleinen Wunderknaben zu. Der nächste Rekord war geknackt! Jüngster Finalist aller Zeiten. Jetzt ging´s aber ans Eingemachte. Finale gegen die damalige Nummer 5 der Welt, den top Gesetzen der India Open: Dimitrij Ovtcharov. „Ich wollte nicht der erste sein, der Harimoto auch noch zum jüngsten Turniersieger macht“. Es sei hier zu erwähnen, dass er es auch nicht tat. Tomokazu, der zu der Zeit die Nummer 63 war, unterlag Dima deutlich mit 0:4. Nichtsdestotrotz ist es Wahnsinn, dass er das Finale erreichen konnte.

Der ganz große Coup – die WM 2017

Falls man die Ereignisse vorher nicht mitbekommen hat, gab es bei der Heim-WM in Düsseldorf keine Chance, nicht zu fragen: Harim… wer? Man konnte ihn nämlich einfach nicht überhören, doch dazu später mehr.
Alleine seine Nominierung für Japan bei der Einzel-WM zu starten war eine Überraschung. Wie schon erwähnt, hat Japan eine Vielzahl an sehr guten Spielern. Viele Tischtennis-Experten begrüßten die Entscheidung von den Offiziellen aus Japan und sollten damit recht behalten.
Allerdings: Gleich in der zweiten Runde traf Tomokazu Harimoto auf seinen Landsmann, Superstar und die Nummer 6 der Welt: Jun Mizutani. Viele dachten im Vorfeld: Das ist die Endstation. Auch wenn er bereits für Furore gesorgt hatte, war Mizutani der Olympia-Dritte, der ihm da gegenüberstand. Man musste sich nach dem Spiel allerdings erstmal die Augen reiben. Hatte Harimoto doch allen Ernstes recht deutlich mit 4:1 gewonnen ­­– unfassbar!

In den nächsten beiden Runde war es der Belgier Cedric Nuytinck und Taiwanese Liao Cheng-Ting, der dem Wunderkind die Hand schütteln durfte.

Achtelfinale – Tschoallez!

Im Achtelfinale durfte dann der Slowake Lubomir Pistej sein Glück mit dem 20 Jahre jüngeren Tischtennis-Knirps versuchen. Beim Versuch blieb es dann aber auch: Harimoto vier – Pistej eins.

WM-Viertelfinale
Ein weiterer Rekord für die Ewigkeit

Jetzt kam die Nummer 3 der Welt aus dem Reich der Tischtennis-Übermacht China. Ob das auch noch klappt? WM-Halbfinale? Doch dafür musste der mit diversen internationalen Titeln bestückte Penholder Linkshänder Xu Xin geschlagen werden. Wäre dies passiert, wäre die Blamage für Xu Xin und China vorprogrammiert gewesen. Aber dazu kam es nicht. Xu Xin war wie Dimitrij Ovtcharov beim World Cup eine Nummer zu groß und gewann sicher 4:1 gegen Tomokazu. Damit war die Reise bei seiner ersten WM vorbei und er kann mit Stolz auf seine Leistung schauen. Allerdings eckte Harimoto mit seiner Jubelweise bei einigen sehr an.

 „Tschoooooaaaaaaaa“ 

Ist ein gängiger Laut von Tischtennisspielern. Meistens ist es nach besonders schönen oder umkämpften Bällen zu hören. Meist ist es so, dass je höher die Liga ist, desto stärker gehört dieser Anfeuerungsruf zum Standardrepertoire der Spieler. Bei den meisten hält es sich aber in Grenzen und wird gebilligt.
Als ich selber früher als Jugendlicher Kreisliga, Bezirksliga und Landesliga Punktspiele bestritt, habe ich zwar nicht wie Harimoto geschrien, aber dennoch gab es das eine oder andere Mal böse Blicke oder Kommentare von den Erwachsenen. Ich habe das immer abgetan und dachte, die können nicht verlieren. Die Profis und jeder beim Landeskader macht das doch auch so. Heutzutage sehe ich das ein wenig anders. Anfeuern ist für mich völlig ok und bei uns in der Regionalliga ist das auch bei den meisten Spielern zu sehen. Zudem brauche ich das auch für meine Spannung und mein Vorhand-Topspin-Spiel und die ganzen Meter, die ich am Tisch mit meinem stark Vorhand-orientierten Spiel hin und her laufe. Allerdings lache ich auch mal zwischen den Ballwechseln und schreie nicht die Halle zusammen. Somit kann ich Harimotos Anfeuerungsrufe und Emotionen nachvollziehen, finde es aber auch persönlich ein bisschen zu extrem. Vor allem nach nahezu jeden Ball und dann in dieser Lautstärke. Den Tischtennisspielern in unserer Tischtennis-Schule versuche ich auch mitzugeben, sich selber positiv anzufeuern um damit auch eine gewisse Grundspannung zu erlangen. Aber natürlich alles in Maßen, denn wir wollen ja keine Schreihälse in unserer TT-Schule erschaffen. Bei Harimoto scheint es nicht so, aber bei einigen Spielern habe ich auch das Gefühl, dass ein zu starkes anfeuern auch teilweise das eigene Spiel sehr negativ beeinflussen kann.

„Es entspannt mich“

sagte Harimoto in einem Interview zum Thema „Tschooleeee“. Das war schon ein bisschen skurril, wirkt er doch vor der Kamera eher schüchtern, kindlich und ein bisschen unsicher. Am Tisch ist dann das genaue Gegenteil der Fall und er explodiert nach jedem Ball. Es sei Energie, die einfach aus ihm raus muss und die ihn entspannt. Unbedingt erwähnenswert ist, dass der junge Harimoto ansonsten sehr höflich am Tisch ist, Kantenbälle sofort zugibt und fast demütigt nickt, wenn ihm der Ball zugeworfen wird. Sein Anfeuern ist auch nicht gegen den Gegner gerichtet, sondern meistens dreht er sich dabei weg. Wenn man sich ihn mal live anguckt, habe ich eher das Gefühl, dass das Tischtennis so einen Mann braucht, der – vielleicht ein bisschen übertrieben – Stimmung in die Halle bringt und Emotionen zeigt. Was meint ihr?
Mich würde es in den Kommentaren sehr interessieren, was ihr zu dem Thema zu sagen habt!

Das mit Harimoto ist schon ein bisschen krank

sagte der derzeitige Weltranglistenerste Timo Boll zu dem Erfolg von Harimoto bei der WM. Boll hätte nicht gedacht, dass es körperlich in dem Alter schon möglich ist, auf diesem Niveau zu spielen. Wenn er da schon wüsste, was gut ein halbes Jahr danach passieren würde..

Harimoto gewinnt gegen Boll das Pro Tour Finale

Mit 14 Jahren und 61 Tagen. Und das gegen unseren Superstar, der aktuellen Nummer 1 der Welt und dem Aushängeschild des Deutschen Tischtennis. Ganz klar ist er damit der jüngste Spieler aller Zeiten, der sich diesen Titel bei dem mit 140.000 Dollar dotierten Czech Open holen konnte. Bisheriger Rekordhalter war der Chinese Yu Ziyang, der beim Gewinn allerdings ganze zwei Jahre älter war.

Harimoto sagte bezüglich der Altersfrage, dass das Alter nicht entscheidend sei und man gegen jeden Gegner kämpfen und spielen muss. Er habe das erste Finale gegen Ovtcharov verloren und nun habe er gewonnen. So ist das also. Mal gewinnt man und mal verliert man ein Pro Tour Finale. Mit 13 bzw. 14 – ist doch klar. Klar war im übrigen auch gleich das nächste Ziel für ihn:

Tomokazu Harimoto will Olympiasieger 2020 in Tokio werden

Dafür will er alles geben und muss hart trainieren. Das ist mal eine Ansage. Ob das klappt, steht natürlich in den Sternen. Auf der einen Seite ist hat er eine Entwicklung in den letzten drei Jahren durchgemacht, die seinesgleichen sucht. Er hat unzählige Rekorde aufgestellt und enorm große und wichtige Titel geholt. Aber Olympia 2020? Das ist nämlich auf der anderen Seite nochmal eine ganz andere Hausnummer. Die Stars der Szene brennen auf diesen Titel und ein Ma Long, der nicht verletzt ist wird nur ganz, ganz schwer zu schlagen sein.
Man weiß auch nicht, wie er mit Rückschlägen oder vielleicht auch Verletzungen umgeht. Bisher ging ja immer nur in eine Richtung – und zwar steil nach oben.

Tomokazu Harimoto gewinnt gegen einen der drei TOP-Chinesen

Unglaublich! Da gehen einem echt langsam die Superlative aus. Harimoto gewann mit seinen 14 Jahren bei dem Asian Cup gegen die neue Nummer 1 der Welt – Fan Zhendong.
Hatte er beim Team World Cup vor ein paar Wochen noch mit 0:3 eine klare Packung von Fan Zhendong hinnehmen müssen, gelang ihm eine Revanche aus chinesischer Sicht viel zu früh. Harimoto peitschte sich selber wie gewohnt nach vorne und sicherte sich den ersten Satz mit 11:8. Fan Zhendong glich ebenfalls mit einem 11:8 aus, bevor Harimoto mit 11:8 und 11:9 mal eben den aktuellen Weltranglisten und einen der drei Top-Stars aus China ziemlich alt aussehen ließ. Es gibt Diskussionen in der Tischtennisszene, dass Fan Zhendong Harimoto mit Absicht gewonnen haben lassen soll, da Lin Gaoyuan auch ein Gruppenspiel verloren hatte und bei einem Gruppensieg Fan Zhendongs es schon im Halbfinale zu dem chinesischen Aufeinandertreffen gekommen wäre. Geplant war natürlich ein rein chinesisches Finale, zudem es dann am Ende auch kam. Wenn ihr euch aber am Ende des Videos die Reaktion von Fan Zhendong anguckt, weiß ich nicht so genau, ob an der Theorie was dran ist. Würde die stolze Nation China aus taktischen Gründen eine Niederlage gegen einen brandgefährlichen 14-jährige einplanen? Ich weiß nicht so recht. Trotz allen Gerüchten ist ein weiterer Kandidat von Harimotos To-Do-Liste abgehakt. Das ist einfach irre, schließlich gewinnt er hier in dem Alter nicht in der Jungen Leistungsklasse gegen ein paar Jahre ältere Spieler oder als Ersatzspieler mal ein Spiel bei den Herren in der Bezirksliga, sondern gegen die absolute Weltelite. Fan Zhendong, Timo Boll, Jun Mizutani und viele andere Hochkaräter mussten bei wichtigen Veranstaltungen schon Harimoto gratulieren. Und die Jagd geht weiter. Es fehlen noch die Weltklassespieler Xu Xin, Dimitrij Ovtcharov und Ma Long, um wirklich allen persönlich gezeigt zu haben, wer hier in Zukunft das sagen hat.

Das Material von Tomokazu Harimoto

Harimoto spielt das Butterfly Holz Custom (ZL Fiber) und auf der Vorhand den Belag Tenergy 05. Auf der Rückhand spiel er den Tenergy 05 FX, also einen bisschen weicheren Schwamm, damit er mehr Kontrolle bei seinen RH-Schlägen hat. Vermutlich wird er irgendwann den Rückhand-Belag auch zum Tenergy 05 wechseln. Das meinte er zumindest mal in einem Interview. Das ist also sein Equipment, mit dem er Tischtennis spielt. Jetzt kommen wir zu den wichtigen Themen „Training und Stärken“ von Harimoto.

Sein Training

Harimoto trainiert ja bis zu 9 Stunden am Tag. Um einen Eindruck davon zu bekommen, kannst du gerne mal kurz in dieses YouTube Video von den Swedish Open schauen.

Man sieht schon, dass er natürlich Topspin auf Block sicherer zieht als sich die meisten Tischtennisspieler einkontern. Was mich fasziniert ist die Routine und Sicherheit mit der er sein Training absolviert. Die Schläge sind für das Alter unheimlich fest und es wirkt so, als hätte er nichts anderes in seinem Leben gemacht als Tischtennis zu spielen. Das hat er vermutlich auch nicht wirklich, aber trotzdem ist er keine 19 Jahre alt und verfügt dennoch über die physischen Möglichkeiten die Übungen so schnell und hart zu spielen wie ein Erwachsener. Er ist ja gerade erst in die Pubertät gekommen. Aber wie ihr im Video seht, ist das nicht wirklich weich was er spielt. Allerdings kompensiert er eventuell die paar fehlenden km/h unter anderem durch zwei Dinge, die ich jetzt beschreiben werden.

Die Stärken von Harimoto Tomokazu

Harimoto wirkt extrem fokussiert und konzentriert bei seinem Spiel. Er macht nicht viele einfache Fehler und ist durch sein anfeuern gefühlt immer voll im Spiel und hat selten Durchhänger. Neben der für sein Alter absolut herausragenden Spielübersicht und Spielkombinationen, die er spielt, stechen zwei Merkmale bei ihm besonders hervor:

Der Flip-König mit einer lockeren und festen Schlägerhaltung

Was mir bei seinen Spielen immer wieder auffällt, ist diese Kompromisslosigkeit bei seinen Wettkämpfen. Er setzt die Gegner immens unter Druck und dabei helfen ihm neben den vielen sehr guten Topspins und dem Aufschlag- und Rückschlagspiel vor allem zwei Sachen.
Zum einen spielt Harimoto ein sehr tischnahes Spiel und somit ist der Ball extrem schnell wieder bei seinen Kontrahenten. Das erzeugt unheimlich Druck auf den Gegner. Das geht natürlich nicht nur für den Gegner rasend schnell auf diesem Niveau, auch Harimoto muss extrem gut antizipieren und reagieren.
Helfen tut ihm da besonders eine Sache: er greift nicht um.
Auch bei Topstars sieht man das schnelle Umgreifen zwischen Vorhand-Griffhaltung und Rückhand-Griffhaltung, da man bei jeder Griffhaltung Vorteile im Winkel bei dem Balltreffpunkt für den jeweiligen Schlag hat. Normalerweise tendieren die meisten zu einer normalen Schlägerhaltung bzw. Vorhand-Schlägerhaltung. Die Vorhand ist meistens der dominierende Schlag im Tischtennis. Seitdem aber mit der Flip-Variation „RH-Bananenflip“ auf Profi-Niveau häufig die Spieleröffnung gespielt wird, eröffnen die Profi Tischtennisspieler auch vermehrt mit der Rückhand-Schlägerhaltung.

Harimoto macht das nicht

Bei ihm ist neben der neutralen Schlägerhaltung auch folgendes sehr interessant: Zwischen den Ballwechseln umfasst er den Schläger locker.
Erst kurz vor dem Balltreffpunkt umfasst er seinen Tischtennisschläger sehr fest, damit er kraftvoll und mit Druck spielen kann. Laut eigener Aussage verkrampft durch die lockere Schlägerhaltung sein Handgelenk und Unterarm nicht, was sich ansonsten negativ auf sein Spiel auswirken würde.
Genau dieses feste Anfassen des Tischtennisschlägers macht er auch bei einem seiner Paradeschläge, den man auf diesem Niveau eigentlich eher selten sieht:

Der Flip-Schuss

Harimoto stellt viele seiner Gegner mit dem harten Vorhand Flip vor große Probleme. Die Profi Tischtennisspieler spielen häufig den oben gegen Bananen-Flip mit der Rückhand als Spieleröffnung. Diese Flip-Variante hat eine Sidespin-Rotation und verliert dadurch leicht an Tempo. Wenn man dies allerdings nicht gewöhnt ist, ist so einen Ball wirklich schwierig vernünftig zurückzuspielen. Die Profis allerdings stellen sich auf diesen Ball ein und beantworten das mit einem Topspin. Harimoto kommt jetzt mit seinem Vorhand Schuss-Flip und dieser fliegt anders als das, was normalerweise die Profis zurückspielen müssen. Der Ball kommt quasi auf einen zugeschossen – schnell, direkt und fast ohne Rotation. Das macht es nicht gerade einfach, einen guten schnellen, qualitativ guten und platzierten Topspin zu spielen und genau darauf wartet der junge Mann dann auf der anderen Seite. Nah am Tisch stehen geht er denn mit beiden Seiten clever dagegen und spielt teilweise sehr eklige Winkel.

 

Weltranglistenposition unter den TOP 10

Es ist soweit – Tomokazu Harimoto ist laut der aktuellen Weltrangliste von 05/2018 unter den besten 10 Tischtennisspielern der Welt. Zwar war Japan mit dem Viertelfinalaus bei der Team WM in Halmstad/Schweden nicht wirklich gut bedient, aber aufgrund seiner Einzelsiege rückt Harimoto auf Platz 10 der Welt vor. Man kann es kaum glauben, aber die Rekordjagd für das kleine japanische Wunderkind geht einfach unaufhaltsam weiter.

Fazit des Wunderknaben Tomokazu Harimoto.

Tomokazu Harimoto ist für mich ein absolutes Wunderkind und es ist unfassbar auf welchem Niveau er Tischtennis spielt. Wie er mit seiner Rückhand am Tisch gegenzieht und über den Ball geht und wie kompakt er schon mit 14 ist, beeindruckt mich sehr. Harimoto ist jetzt schon eine feste Größe im Tischtennis geworden.
Ich freue mich sehr auf die Zukunft im Tischtennis und sehe gerade positiv wie eine Veränderung in der Tischtenniswelt geschieht. Die scheinbare unbesiegbare Übermacht aus China wackelt. Zwar leicht, aber dennoch wackelt sie. Die Nummer 1 der Welt war für kurze Zeit Dimitrij Ovtcharov. Jetzt ist wieder kein Chinese sondern mit 37 Jahren Timo Boll, der damit der älteste Weltranglistenerste der Geschichte ist und gerade seinen zweiten Frühling erlebt. Dass er im März 2018 wieder Deutscher Meister der Herren im Tischtennis wurde, war zu erwarten. Nicht zu erwarten war es jedoch, dass er beim World Cup in Lüttich zwei Chinesen schlägt, darunter den vermutlich derzeit besten Spieler der Welt: Ma Long.

Die spannende Zukunft.
Denn was geschieht im Reich der Mitte?

Die neue Weltrangliste begünstigt die neue Nummer 1 der Welt auch und die Chinesen haben dadurch gerade einen Nachteil. Aber mich freut es nicht nur für Timo, sondern auch für unseren Sport, dass mal niemand aus Asien den Platz an der Sonne einnimmt.
Trotz der veränderten Weltrangliste und der Begünstigung steht für mich trotzdem fest: es menschelt im Reich der Mitte und ich bin gespannt auf die Team WM 2018, wenn Deutschland nicht wie beim Team World Cup gegen China mit Benedikt Duda, Patrick Franziska und Ruwen Filus antritt, sondern eben mit den China-Schrecks Boll und Ovtcharov. Zumindest ist Hoffnung da, auch wenn der Titel vermutlich wieder nach China gehen wird. Aber es bleibt spannend und ich freue mich jetzt schon auf die Team WM und vielleicht auch auf ein leichter verwundbares China.
Und dann ist da ja auch noch dieses kleine japanische Wunderkind, dass zwar bisher immer deutliche Niederlagen gegen die besten Chinesen hinnehmen musste, aber nicht nur ist China gewarnt:
Harimoto wird in Zukunft in der absoluten Weltspitze definitiv etwas zu sagen haben. Ob das für Olympia 2020 schon reicht, das weiß ich nicht und darauf würde ich auch nicht setzen. Aber lasst den Jungen mal noch bei ein paar Turnieren Erfahrungen sammeln. Spätestens dann werden die Funktionäre in China vielleicht ein paar schlaflose Nächte haben, die sich so viele Tischtennis-Fans aufgrund der Spannung wünschen. Wir werden es sehen. Ich freue mich jedenfalls auf eine spannende Zukunft im Tischtennis und auf die Entwicklung des riesigen Talents Tomokazu Harimoto weiterzuverfolgen.

Euer Trainer,

Simon

 

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